ICH HABE ALLES BEWÄLTIGT,

sagt Kerstin Gläser. Und das war vor etwa 30 Jahren nicht selbstverständlich zu erwarten: eine Krankheit, die über vier Jahre nicht zu diagnostizieren war, künstliche Ernährung und ein Gewicht von 38 Kilo! „Man hat mir nicht geglaubt, ich fiel in ein tiefes Loch.“ Eine damals noch neue OP in Heidelberg hat ihr das Leben wiedergegeben. Vorher hat sie alles geregelt, man weiß ja nie…, vor allem für die beiden kleinen Söhne.

Und danach wurde es besser. Aber mit unter 30 Jahren schon Rentnerin? „Ich war mit Leib und Seele Verkäuferin.“ Was jetzt? Kerstin Gläser bekam Zuspruch – Hilfe beim Leben mit der Krankheit und die Anregung, sich mit der Krankheit und anderen Betroffenen zu beschäftigen.

„Ich dachte, ich wäre allein damit. Aber das stimmt ja nicht!“
Sie ging zu Vorträgen und Veranstaltungen in Kliniken und bestehenden Selbsthilfegruppen. Dort lernte sie andere Patienten, deren Probleme und deren Strategien zur Bewältigung kennen. Ein Kollege ermutigte sie und half ihr, eine eigene Selbsthilfegruppe aufzubauen. Und vor 25 Jahren gründete Kerstin in Zusammenarbeit mit einer Krankenkasse ‚ihre‘ Selbsthilfegruppe für chronische Darmerkrankungen und ist seither deren Leiterin.

„Ich habe in den Jahren gelernt, wie man mit den Betroffenen redet, wie man zuhört und wer wohl in die Gruppe passt.“ Es ist eine offene Gruppe, jede und jeder kann dazukommen. Regelmäßig treffen sich monatlich etwa 25 Leute. Begonnen wird immer damit, dass jeder einzelne kurz über seine aktuelle Befindlichkeit redet. Daraus und aus Nachfragen ergeben sich dann die Hauptthemen des Abends. „Das ist mir sehr wichtig, dass jeder zu Wort kommt, sich als Teil der Gruppe fühlen kann.“
Jedes Jahr im Januar wird ein Jahresplan gemacht: Expertenvorträge, Wanderungen, Ausstellungsbesuch oder eine Wochenendfahrt. „Treffen und Gespräche außerhalb der Selbsthilfe oder abends am Feuer zusammensitzen und miteinander lachen, das gibt uns viel.“

Kerstin ist Mitglied im DCC-Landesverband (Morbus Crohn und Colitis ulcerosa) Berlin-Brandenburg und eine von zwei Landesbeauftragten. In dieser Funktion macht sie Telefonberatungen, organisiert Veranstaltungen in Krankenhäusern und schult Pflegepersonal.

Am 18. Juli 2017 bekam sie für ihre langjährige Tätigkeit die Auszeichnung mit der Berliner Ehrennadel für besonderes soziales Engagement‘, verliehen vom Senat. Eine von 12 Personen in diesem Jahr!

Kerstin Gläser ist jetzt 55 Jahre alt. Die Kinder sind erwachsen. Ihr Mann arbeitet als Busfahrer – das Leben ist normal! „Wir haben die Krankheit nie in den Mittelpunkt unseres Lebens gestellt.“
Auch Folgeerkrankungen bei Haut und Gelenken können Kerstin nicht dauerhaft aus der Bahn werfen.
Sie ist eine lebensbejahende Frau, der der Schalk aus den Augen springt. Hilfe bekommt sie auch von der Hündin Paula. „Das ist so eine Art Therapie. Der kann ich alles erzählen. Und ich muss täglich mehrmals raus, ich muss mich kümmern.“

„Die Krankheit hat mir viel gebracht! Das Fertigwerden damit hat mich selbstbewusster gemacht!“

Wir wünschen Kerstin Gläser noch viele glückliche Jahre und Jahrzehnte und bedanken uns für das Gespräch.

 

KS

 

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