Leben in Zehn-Jahres-Schritten

Ingrid Herrmann ist eine aktive alte Dame und sehr jung in ihrer ehrenamtlichen Arbeit.

Frau Herrmann ist in Berlin geboren. Ihre Eltern sind mit den vier Kindern aus der zerbombten Großstadt rausgezogen, einfach, „...um uns in der Nachkriegszeit über die Runden zu bringen“.

In Neuruppin hat sie gelernt, ohne dann im Beruf des Großhandelskaufmanns zu arbeiten. Ein Krankenhausaufenthalt brachte sie, noch keine 18 Jahre alt, zurück nach Berlin. Und sie blieb!
Schreibmaschineschreiben hatte Ingrid Herrmann in der Volkshochschule gelernt und also wurde sie Sekretärin in Berlin, spätere Weiterbildungen eingeschlossen... Hier beginnen die Zehn-Jahres-Schritte: Sekretärin in verschiedenen Organisationen; Redakteurin einer Betriebszeitung; Funktionärin in einer Partei; Kreisvorsitzende in einer Frauenorganisation. „Das hat mir alles großen Spaß gemacht. Ich habe mich wohlgefühlt.

Nach der Wende wurde Ingrid Herrmann mit Mitte 50 in den Vorruhestand entlassen. „Zu der Zeit war ich furchtbar sauer. Im Nachhinein gesehen war es gut: Eine andere Arbeit hätte ich nicht bekommen, war einfach zu alt.

Und dann sind Ingrid Herrmann und ihr Mann gereist. „Wir haben Land und Leute kennengelernt. Haben unsere Zeit genutzt. Im Sommer waren wir auf unserem Grundstück außerhalb von Berlin. Um Geld dazuzuverdienen, haben wir zweimal in der Woche Zeitungen ausgetragen.
Mit dem Tod ihres Mannes vor anderthalb Jahren musste Frau Herrmann ihr Leben neu sortieren. Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen, kann es nach 52 Ehejahren auch gar nicht sein... Der erwachsene Sohn lebt in Frankfurt am Main und ist verständlicherweise nur selten zu Besuch.

Sie schließt sich nicht ein, kennt keine Langeweile. „Ich habe Berlin jetzt besser kennengelernt, kann inzwischen alleine herumspazieren. Das war erst komisch. Und ich habe alte Freundschaften wieder aufleben lassen.“ In diesem Jahr war sie erstmals allein auf einer Kurzreise. „Die anderen haben mich akzeptiert, alles war gut und ich werde es wieder machen.

Seit Oktober 2017 ist Ingrid Herrmann ehrenamtliche Besuchspatin in der Seniorenstiftung Prenzlauer Berg. Sie hatte seinerzeit Kontakt wegen der Pflegebedürftigkeit ihres Mannes. Die Zeitung der Einrichtung bezog sie regelmäßig und wurde über den Artikel „Zeit zu verschenken“ auf die ehrenamtliche Tätigkeit aufmerksam.
Jetzt besucht Frau Herrmann einmal wöchentlich eine gleichaltrige Frau, die auf einen Rollator angewiesen ist. „Wir passen inzwischen zusammen wie zwei linke Latschen“, sagt sie lächelnd. „Wir duzen uns, gehen Kaffee trinken, reden über uns und das Weltgeschehen, machen kleine Spaziergänge und ich kann für sie die eine oder andere Angelegenheit außerhalb des Heimes erledigen.

Ingrid Herrmann ist eine agile Frau, die sich nicht hängen lässt. Sie will so lange wie möglich in ihrer Wohnung leben und mit Freude ihr Ehrenamt noch eine Weile ausüben.

Dann soll mit dem Beginn der Besuchstätigkeit der nächste Zehnerschritt begonnen haben!

Herzlichen Dank für das Gespräch

KS

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